Schreiben? Kein Problem! Sie verfassen tagtäglich die verschiedensten Texte, von schnöden Geschäfts-E-Mails über Berichte und Präsentationen bis hin zu komplexen Projektdokumentationen.
Da sollte es Ihnen eigentlich ein Leichtes sein, ein kurzes Anschreiben an einen potenziellen neuen Arbeitgeber zu schreiben, um sich für Ihren Wunschjob zu bewerben. Doch aus unerfindlichen Gründen kommen Sie nicht voran. Sobald Sie die bewusste Word-Datei öffnen und der Cursor hypnotisch vor Ihren Augen blinkt, herrscht gähnende Leere in Ihrem Kopf.
Was tun? Ob Sie es wagen können, einen Chatbot zu nutzen? Oder vermitteln Sie Recruitern damit ungewollt die Botschaft: Dieser Person ist die Stelle schlicht nicht wichtig genug, um selbst in die Tasten zu greifen?
Die gute Nachricht lautet: Gegen KI-Unterstützung beim Anschreiben spricht grundsätzlich wenig. Entscheidend ist vielmehr, wie Sie ChatGPT und Co. einsetzen – und wie viel am Ende noch von Ihnen selbst im Text steckt. Allerdings gibt es bestimmte Risiken, die Sie besser im Blick behalten.
Anschreiben: Was spricht eigentlich gegen die Chatbot-Nutzung?
Dies sind mögliche Probleme
#1 Ihr Anschreiben erscheint austauschbar und unpersönlich
Sie ahnen es: Es ist nie eine gute Idee, ein Anschreiben auf der Basis weniger Eckdaten generieren zu lassen, es allenfalls leicht zu personalisieren und dann direkt Ihrem Wunscharbeitgeber zu mailen. Sicher, Sprachmodelle sind hervorragend darin, sprachlich nahezu fehlerfreie Anschreiben zu produzieren, die zudem auf die Anforderungen der jeweiligen Stelle optimiert sind.
Doch genau deshalb können Sie damit rechnen, dass zahlreiche Mitbewerber ihr Anschreiben weitestgehend per KI generieren lassen – mit ganz und gar austauschbaren Ergebnissen. Denkbar schlechte Voraussetzungen also, um sich von Ihrem Wettbewerb abzuheben! Und eine verpasste Chance, sich optimal zu positionieren:
Denn ein gutes Anschreiben soll weit mehr als nur zeigen, dass Sie die Anforderungen verstanden haben, umso mehr, wenn es um anspruchsvolle Positionen geht. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, dazulegen, weshalb gerade Sie die richtige Person für die Stelle sind. Welche Erfahrungen haben Sie auf die kommenden Aufgaben vorbereitet? Mit welchen konkreten Leistungen haben Sie bewiesen, dass Sie den Herausforderungen gewachsen sind? Und was begeistert Sie persönlich an der neuen Rolle? Lauter entscheidende Fragen, die Ihnen keine KI beantworten kann.
2 Ein KI-generiertes Anschreiben kann Zweifel wecken
Das zeigt beispielsweise eine Umfrage unter Personalentscheidern in Großbritannien und Irland von 2024: Immerhin 80 Prozent der Befragten bewerteten KI-generierte Inhalte in Lebensläufen und Anschreiben negativ. 57 Prozent erklärten sogar, sie würden einen Bewerber deshalb eher nicht einstellen oder ihn gar ausschließen.
Dabei richten sich die Vorbehalte nicht zwingend gegen KI an sich
Selbst bei Entscheidern, die den souveränen Umgang mit KI-Tools grundsätzlich begrüßen, kann ein erkennbar maschinengeneriertes Anschreiben der Bewerbung schaden. Denn dabei handelt es sich nicht um irgendeinen Teil der Bewerbung. Es ist eine persönliche Ansprache und kann zudem als erste kleine Leistungsprobe verstanden werden, immerhin vermittelt es einen ersten Eindruck von Fähigkeiten, die gerade bei anspruchsvollen Fach- und Führungspositionen relevant sein können.
Der Empfänger darf also davon ausgehen, dass die Gedanken, Argumente und Formulierungen im Anschreiben weitestgehend von der Person stammen, deren Name darunter steht.
Stammt das Anschreiben nun erkennbar aus der Feder eines Sprachmodells, kann sich das Gegenüber durchaus hinters Licht geführt fühlen.
Darüber hinaus kann der Eindruck entstehen, dass Ihnen die Position wohl nicht so wichtig ist, wenn Sie lediglich ein generisches Anschreiben einreichen, sei es nun KI-generiert oder aus Standardfloskeln zusammengesetzt.
Gut zu wissen: KI hinterlässt Spuren
Verlassen Sie sich besser nicht darauf, dass die Herkunft ihres Textes nicht nachvollziehbar ist. KI hinterlässt Spuren, die oft schwer zu tilgen sind, selbst dann, wenn Sie große Teile umschreiben. Mitunter werden sogar eigenhändig verfasste Texte markiert, wenn Sie diese zum Schluss von einem KI-Tool redigieren lassen.
Praktisch können Sie mit zwei Arten von Spuren rechnen:
1) Zum einen hinterlässt KI leicht erkennbare sprachliche Muster.
2) Hinzu kommen technische Verfahren, mit denen Anbieter künstlich generierte oder überarbeitete Inhalte markieren können. Beispiel Claude AI: Hier setzt Anthropic auf ein statistisches Wasserzeichen, dass sich subtil in den Wortwahlentscheidungen des Modells zeigt. Selbst eine nachträgliche Bearbeitung kann dieses Signal oft nicht vollständig beseitigen.
Bedeutet das, dass man als Bewerber tunlichst auf KI-Unterstützung verzichten sollte? Keineswegs. Wenn Sie es richtig anfangen, kann Ihnen künstliche Intelligenz zu einem Anschreiben verhelfen, das nicht nur besser, sondern sogar authentischer ist.
Wo KI Ihnen wirklich helfen kann
1) Die Stellenanzeige analysieren
Los geht es schon vor dem eigentlichen Schreiben: Lassen Sie den Chatbot Ihrer Wahl die Stellenanzeige analysieren. Bitten Sie ihn beispielsweise darum, die drei bis fünf zentralen Anforderungen herauszuarbeiten. So können Sie Ihr Anschreiben auf die wesentlichen Punkte fokussieren, statt sich in einer langen Liste aus Kann- und Soll-Kriterien zu verlieren. Allerdings gilt hier – wie fast überall: Übernehmen Sie die Empfehlung nicht ungeprüft, denn gerade bei qualifizierten Stellen gilt es oft, zwischen den Zeilen zu lesen.
2) Die stärksten Argumente identifizieren
Niemand kennt Ihre Erfahrungen so gut, wie Sie selbst. Doch was in Ihrer Karriere qualifiziert Sie für die angestrebte Position? KI kann Ihnen dabei helfen, die relevantesten Karrierestationen, Erfahrungen und Erfolge auszuwählen. Geben Sie ihr dafür neben der Stellenanzeige einen detaillierten Lebenslauf und ergänzende Informationen zu wichtigen Projekten. Bitten Sie sie dann, die stärksten Verbindungen zwischen den Anforderungen der neuen Position und Ihrem bisherigen Werdegang herauszuarbeiten. Gut möglich, dass das Ergebnis Sie überrascht. Denn manches, das Ihnen längst selbstverständlich erscheint, kann aus der Perspektive eines potenziellen Arbeitgebers eine ganz neue Bedeutung gewinnen und zu einem starken Argument für Sie werden.
3) Den roten Faden finden
Natürlich ist es nicht damit getan, Argumente zusammenzutragen. Ein wirklich überzeugendes Anschreiben stellt einen sinnvollen Zusammenhang zwischen den Stationen Ihres bisherigen Werdegangs her und präsentiert die angestrebte Position als plausible nächste Station auf Ihrem Weg.
Doch oft gelingt es Außenstehenden viel besser, einen roten Faden im Werdegang zu erkennen, als der Person selbst. Und genau diese Außenperspektive kann auch ein Chatbot für Sie einnehmen.
Ein Caveat: Die KI wird Ihnen spätestens an dieser Stelle einen fertigen, professionell ausformulierten Text vorschlagen. Da erscheint es verlockend, besonders gelungene Formulierungen oder auch ganze Passagen unverändert zu übernehmen. Behalten Sie jedoch im Blick, warum Sie diesen Aufwand überhaupt betreiben: Sie wollen ein persönliches, Anschreiben verfassen, das einen Eindruck hinterlässt und Sie von Ihren Mitbewerbern unterscheidet – und das funktioniert am besten, wenn Sie den Text mit Ihren eigenen Worten formulieren.
4) Schwachpunkte und Widersprüche identifizieren
Sie wollen sichergehen, dass Ihr Entwurf überzeugend und auch logisch wasserdicht ist? Dann bietet sich ein Chatbot als Sparringspartner an. Sie können Ihn auffordern, logische Widersprüche in Ihrer Darstellung aufzuspüren und zu prüfen, ob alle Behauptungen mit konkreten Beispielen belegt sind. Doch es gibt noch einen besseren Weg, um wertvolles Feedback zu erhalten: Bitten Sie Ihn, Ihr Anschreiben aus der Perspektive eines aufmerksamen Personalentscheiders zu beurteilen! Können Sie ihn überzeugen, dass gerade Sie die richtige Person für die offene Position sind – und wenn nicht: Warum nicht? Welche wichtigen Erfahrungen fehlen? Was ist irrelevant? Gibt es ein Statement, das unnötig Zweifel hervorruft?
Begeben Sie sich in einen Dialog mit der KI, um Ihr Schreiben zu optimieren. Allerdings gilt auch hier: KI kann sich irren.
Ein Chatbot ist ein starkes Tool – doch natürlich ist er kein wirklicher Personalexperte und zudem kennt er nicht die Besonderheiten des jeweiligen Unternehmens. Darum prüfen Sie seine Einwände ebenso kritisch, wie Sie vorher Ihren eigenen Text geprüft haben!
5) Den finalen Sprach-Check durchführen
Ihr Text steht. Er ist inhaltlich durchdacht, logisch konsistent und weitestgehend in Ihren eigenen Worten formuliert. Jetzt wollen Sie noch sicherstellen, dass der Text sprachlich einwandfrei ist. Auch dabei kann Ihnen ein Chatbot helfen.
Fordern Sie ihn mit einem eindeutigen Prompt auf, gezielt nach Grammatik-, Orthografie- und Zeichensetzungsfehlern zu suchen. Um ganz sicherzugehen, können Sie hinzufügen: „Verändere meinen Stil und meine Formulierungen nicht. Weise mich lediglich auf mögliche Fehler hin.“
Widerstehen Sie an dieser Stelle der Versuchung, noch einmal um eine allgemeine „sprachliche Optimierung“ zu bitten, denn Sprachmodelle neigen dazu, auch einwandfreie Formulierungen zu ersetzen oder – vermeintlich – elegantere Alternativen vorzuschlagen. Das Ergebnis mag sprachlich geschliffener sein, klingt aber vermutlich nicht mehr nach Ihnen.
Und damit könnten Sie ausgerechnet auf den letzten Metern preisgeben, was Sie vorher so sorgfältig erarbeitet haben: ein Anschreiben, das Ihre persönliche Stimme erkennen lässt.
Fazit: Anschreiben mit KI? Ja, solange Sie selbst der Autor bleiben.
KI-Tools können Ihnen dabei helfen, ein besseres Anschreiben zu verfassen. Eine Chance, auf die Sie keineswegs verzichten müssen. Dabei gilt jedoch: Gerade für eine Führungsposition ist es wichtig, dass die Persönlichkeit hinter dem professionellen Anschreiben erkennbar bleibt – mit ihren einzigartigen Erfahrungen, ihrem Charakter und Ihren individuellen Beweggründen, genau diese Position als nächsten Karriereschritt anzustreben. Und genau das kann nur ein persönlich verfasste Anschreiben leisten.
Dabei kann die KI Sie durchaus unterstützen – als ein ausgesprochen leistungsfähiges Werkzeug. Doch sie kann niemanden an Ihrer Stelle überzeugen. Das können am Ende nur Sie.
Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Bewerbung.
Bildquelle: Katemangostar auf Magnific
